HALAL HANNOVER 2020, 6. - 8. März
Sonstige

Die Tücken der Halal-Zertifikate

Der Markt für muslimischen Lifestyle wächst rasant, doch bislang gibt es keine einheitliche Zertifizierung für islamkonforme Produkte. Auf den Binnenmärkten der EU herrscht seit Jahren Unklarheit. Neben so genannten "Moschee-Zertifikaten", die nur im Inland akzeptiert werden, bieten seriöse Prüfer ihre Dienste an, doch auch diese müssen sich ständig neu qualifizieren. Ohne ein anerkanntes Halal-Zertifikat ist der Export von Lebensmitteln oder Kosmetika in islamisch geprägt Staaten fast unmöglich

05.11.2019
Akkreditierung DAC
Foto: IIDC

Vor einigen Jahren verloren zahlreiche Zertifizierer aus Europa ihre Akkreditierung in den Golfstaaten, darunter mehrere bekannte deutsche Moscheen. Zu oberflächlich und inkompetent sei kontrolliert worden, stellten Inspekteure vom zuständigen Ministerium aus den Emiraten fest. Beim Zoll auf dem Flughafen von Dubai verdarben containerweise hochwertige Lebensmittel mit ungültigem Zertifikat. In Deutschland und Österreich besitzen derzeit nur noch drei Zertifizierer eine Akkreditierung, in der Schweiz gibt es keinen einzigen mehr.

Eine Zertifizierung nach dem hohen Standard der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), der auch Hygienenormen der EU berücksichtigt, darf heute ein '"Certification Body" nur noch vornehmen, wenn er nach einem aufwändigen Verfahren, das zwei Jahre lang dauern kann, akkreditiert wird. Vom Golf werden dazu zu einem Bewerber mehrfach staatliche Kontrolleure ausgesandt, die stichprobenartig dessen Zertifikate in den Firmen vor Ort nachprüfen. Verlangt wird von den Emiraten diplomiertes Fachpersonal, welches sowohl international anerkannte akademische Abschlüsse in der Lebensmittelchemie als auch in den Islamwissenschaften vorzuweisen hat. Eine Akkreditierung ist inzwischen mit hohen Gebühren verbunden. Summa summarum darf ein Zertifizierer für eine erste Anerkennung aus Dubai mit Unkosten in Höhe von rund 100.000 Euro rechnen. Eine der höchstgeschätzten Akkreditierungen (UAE.S.2055/GSO 2055/OIC/SMIIC) ist dann für 3 Jahre gültig. Danach wird der Zertifizierer neu überprüft. Hinter den Buchstaben und Zahlen verbirgt sich die Zulassung in den sieben Emiraten, in den sieben GCC-Staaten und in den 56 Staaten der Organisation Islamischer Staaten (OIC).

Die IIDC Islamic Information, Documentation and Certification GmbH mit Niederlassungen in Österreich, Deutschland, Ungarn und Frankreich darf mit Ausnahme von Fleischprodukten auch in der Schweiz zertifizieren. Entsprechend zeit- und kostenaufwändig sind für die Produzenten die Zertifikate geworden. Ein Halal-Zertifikat ist zudem nur ein Jahr lang gültig und muss dann erneuert werden. Dennoch kann nach den Worten von Günther Ahmed Rusznak, dem CEO von IIDC in Linz, kein Zertifizierer seinen Kunden eine weltweite Akzeptanz zu Füßen legen.

In der Halal-Industrie geht um weitaus mehr als den deutschen Markt, sondern um lukrative Geschäfte mit inzwischen knapp 1,8 Milliarden Muslimen. Dazu bedarf es fachlicher Beratung und der Wahl des richtigen Zertifizierers. Das musste jüngst auch eine mittelständische Käserei erkennen als das von ihr vorgelegte Zertifikat zwar im fernen Malaysia anerkannt wurde, nicht aber in den Staaten der GCC am Golf. Gerade Dubai mit der weltgrössten Nahrungs¬mittel¬messe Gulfood ist jedoch ein begehrter Exportplatz für jeden Produzenten. Von hier aus gelangen hochwertige Produkte auch auf andere muslimische Märkte, in der EU in Paris und London oder bis nach China.

Nicht einmal zehn Prozent der Produktionsmittel sind in Händen von muslimischen Unternehmen. Der Schweizer Konzern Nestlé ist der weltweit grösste Produzent von islamkonformen Nahrungsmitteln. Viele seiner Fabriken sind seit Jahren halal-zertifiziert. Für die Zertifizierungen sind die einzelnen Landesvertretungen zuständig, die Zentrale in Vevey am Genfer See koordiniert lediglich den Warenaustausch. Die KMU in den deutschsprachigen Ländern verfügen im Gegensatz dazu nur über minimales Basiswissen und sind auf seriöse Beratung angewiesen. Immer rascher ändern sich die Bedingungen und die Marktchancen. Indonesien hat dieses Jahr alle Akkreditierungen widerrufen. Die Zertifizierer müssen sich neu qualifizieren, das IIDC steht hier kurz vor der Neuzulassung. Die Regierung der Türkei ist dabei ein eigenes Halal-Zertifikat einzuführen das sich auf die vielen türkisch-deutschen Supermärkte auswirken wird. Lohnt sich für Mittelständler der Einstieg in die muslimischen Märkte? Eine Beratung sollte dies klären und ein seriöser Zertifizierer sollte seine Kunden auch zu den einschlägigen Messen begleiten.